Wenn der Kirchenchor Cäcilia 1777 Waldbreitbach sich mit dem Gesangverein Oberbieber zusammentut, gilt, frei nach James Bond: Die Welt ist gerade so genug. Nach dem ausverkauften Filmmusikkonzert 2024 (zusammen mit dem „Wiedklang“) sollte es auch 2025 ein großes Konzert geben, nein: zwei große Konzerte!
Thema dieses Mal: „Eine musikalische Weltreise“. Wobei, nun ja, am Ende niemand wirklich auf Reisen ging, aber dazu später mehr. Eigentlich war das Ganze auch viel mehr als „nur“ ein Konzert: „fast ein Musical“ nannte Peter Uhl (der praktischerweise beide beteiligten Chöre leitet) das, was da auf die Bühne bzw. die Bühnen (nämlich die Wiedhalle in Roßbach am 25. Oktober und die Aula der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe Oberbieber am 22. November) gebracht wurde. Eine Art Theaterstück bildete den Rahmen für die Musik – und dieser Rahmen gehörte auch mit zu den vielen Höhepunkten zweier an Höhepunkten nicht armen Abende.
Die Handlung in Kurzfassung: Eine ganz normale – und dann irgendwie auch ziemlich spezielle – Familie will verreisen und sucht zur Entscheidungsfindung ein Reisebüro auf. Die Familienmitglieder: Vater Karl-Rüdiger, glühender Verehrer des 1. FC Köln, seine Frau Helene und ihr „Pubertier“ (wobei es sich in Roßbach um Tochter Jacqueline und in Oberbieber um Sohn Kevin handelte). Voller Reiselust lassen sie sich von der Mitarbeiterin des Reisebüros Urlaubsland um Urlaubsland in den schönsten Farben schildern.
Eine solche Vorlage ließen sich die ca. 70 Sängerinnen und Sänger samt sechsköpfiger Band nicht entgehen: Jeder Vorschlag der Reisekauffrau wurde in den schönsten Tönen musikalisch in Szene gesetzt. Und so folgte ein wilder Ritt durch die Weltgeschichte, bei dem ein, man kann es nicht anders sagen: Gassenhauer den anderen jagte. Ein beschwingter Spaziergang über die „Champs-Élysée“ ließ romantische Stimmung aufkommen, „zwei kleine Italiener“ nahmen das Publikum mit in den sonnigen Süden, „Africa“ von Toto (inklusive einer Choreographie, bei dem die Sängerinnen und Sänger mit einem „Gewitter“ die Halle zum Beben brachten) ließ den gleichnamigen Kontinent zu musikalischem Leben erwachen. Mit „Dschinghis Khan“ ging es unter lauten „Ho! Ha!“-Rufen durch die weite Steppe der Mongolei, von Amerika (oder dem, was es vor dem aktuellen Präsidenten einmal war) geträumt werden durfte bei „Ich war noch niemals in New York“ und aus „Tulpen aus Amsterdam“ wurde ein bunter Strauß für das Publikum gebunden. Und das war noch lange nicht alles. Es dürfte wohl niemanden gegeben haben, der am Ende der Konzerte nicht mit einem Lächeln im Gesicht und Musik auf den Lippen nach Hause ging.
Wie das Ganze schließlich ausging? Kommt darauf an, wen man fragt: Während die Mitarbeiterin des Reisebüros ob der nicht enden wollenden Einwände der Kunden zusehends nicht mehr wusste, ob sie nun den Tränen oder der Verzweiflung näher war, ließ das Publikum durch tosenden Applaus und laute „Zugabe“-Rufe wissen, dass es den Abend höchst unterhaltsam fand. Und Familie Biedermann: Tja, die beschloss letztlich, doch einfach zuhause zu bleiben, wo es doch bekanntlich am schönsten ist – was die Chöre unter Feuerzeug- bzw. Handytaschenlampen-Schwenken des seligen Publikums mit einem abschließenden „We Are The World“ untermalten. Denn wenn wir doch selbst die Welt sind, wozu dann noch in die Ferne schweifen, äh, reisen?
Bliebe noch zu erwähnen, dass nicht nur die Menschen im Publikum offensichtlich großen Spaß an den beiden Konzerten hatten, sondern auch die Sängerinnen und Sänger der beiden Chöre. Die genossen es sicht- und hörbar, mit so vielen anderen ein so wunderbares Konzert auf die Beine zu stellen. Es sind wohl u. a. Projekte dieser Art, die mit dafür verantwortlich sind, dass die Chortradition in Waldbreitbach so lebendig ist.
Text: Ulf Gerdelmann, Waldbreitbach
